2012-01-23

Ernährungswende

Von umweltundenergie @ 08:38 [ Allgemein ]
Grosse Aufmerksamkeit erhielten in den letzten Wochen Berichte über das Phänomen des "Containerns". Auch Dumpster Diving genannt, bezeichnet die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern von Supermärkten und Fabriken. Die Nahrungsmittel werden meist wegen abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten, Druck- und Gammelstellen oder als Überschuss und aus optischen Gründen weggeworfen.

Was zunächst nur wie Respektlosigkeit gegenüber Lebensmitteln aussieht, ist vielmehr ein unseliges Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, so sieht es Joao Ameida. Er zeigte in seiner Master-Studie in Sustainable Development an der Uni Basel auf, dass jährlich ein Drittel an essbaren Lebensmitteln für die Schweiz* im Abfall landet oder vergärt, kompostiert oder verbrannt wird.

In dem kürzlich angelaufenen Kinofilm 'Taste the Waste' geht es um das ganze Ausmass der Lebensmittelverschwendung rund um den Globus: Während in vielen Teilen der Welt Menschen mit Mangelversorgung und Unterernährung zu kämpfen haben, und selbst Grundnahrungsmittel kaum verfügbar sind, werden KonsumentInnen hierzulande von Billigangeboten und einer scheinbar grenzenlosen Produktvielfalt überschwemmt, von dem ein Grossteil dann im Müll landet.

Die Autoren des Buches 'Die Essensvernichter' haben berechnet, dass wir mit der Halbierung des Lebensmittelmülls ebenso viele Klimagase sparen würden, wie wenn jedes zweite Auto stillgelegt werden würde. Ihr Lösungsvorschlag lautet: sparsamer leben, Energien effizienter und Böden nachhaltiger nutzen und bewusster mit sich und der Umwelt umgehen. Auch das EU-Parlament fordert am letzten Donnerstag 19. Januar nun auch dringend Maßnahmen, um die Lebensmittelverschwendung in der EU bis 2025 um die Hälfte zu verringern.

Für eine bäuerliche nachhaltige und gesunde Landwirtschaft demonstrierten am vergangenen Samstag, 21. Januar in Berlin Zehntausende von VerbraucherInnen, BäuerInnen, Tier- und UmweltschützerInnen, entwicklungspolitische Organisationen und kirchliche Verbände. Sie forderten anlässlich der Internationalen Landwirtschaftsmesse 'Grüne Woche' eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik.

Die Nachrichten über Lebensmittelskandale und Fehl-und Mangelernährung reissen nicht ab. Braucht es nach der Energiewende nun eine Ernährungswende?
Brot
*Derzeitige Verschwendung in der EU: 89 Mio. t pro Jahr (179 kg pro Kopf)
Prognose für 2020 (bei anhaltendem Trend): 126 Mio. t pro Jahr (40 % Zuwachs)
(Quelle: Europäische Kommission)



Kommentare

Catherine Heinzer - catherine.heinzer [at] gmx.ch
2012-01-23 11:37:31

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass die Subventionsschwerpunkte des Bundes dessen Ernährungsempfehlungen genau widersprechen. So empfiehlt der Bund, rund 44% Früchte und Gemüse, 27% Getreide und Kartoffeln, 23% Fleisch, Eier, Milch und Soja, 5% Fette und Öle und 1% Zucker und Alkohol zu konsumieren. Bei den Subventionen sieht es allerdings anders aus. Mit über 80% der Subventionen fördert der Bund Fleisch, Eier, Milch und Soja, mit über 7% Zucker und Alkohol, mit 6% Fette und Öle, mit knapp 4% Getreide und mit 1.9% gerade mal Früchte und Gemüse. (Quelle: Peace Food, Rüdiger Dahlke).

Mazacek - jan.mazacek [at] bs.ch
2012-01-24 06:43:23

Gut geschrieben!

Natalie Oberholzer - oberholzer [at] ecoviva.ch
2012-01-30 16:34:49

Zu diesem Thema hat Beobachter Natur kürzlich eine äusserst interessante Grafik veröffentlicht (siehe unten). Dort wird ersichtlich, wo in der Versorgungskette die massiven Verluste entstehen. Ganz prekär sieht es bei der Kartoffel aus. Bereits bei der landwirtschaftlichen Produktion werden 20% weggeworfen und nur 32% dieses Nahrungsmittels wird tatsächlich gegessen!"
zur Grafik:
http://www.beobachter.ch/fileadmin/dateien/bilder-editionen/2012/02_12/Grafik_Lebensmittel_Europa_gross.jpg

Heiri Schenkel - heiri [at] educare.ch
2012-02-01 15:22:20

Der neueste Wallraff aus der Arbeitswelt ("Unser täglich Brötchen") passt auch in das Verschwendungsthema:

http://video.google.com/videoplay?docid=-5280090454847835777

Wenn Brötchen u.a. durch Ausbeutung der Arbeitnehmer der Grossbäckerei (hier für LIDL) so billig hergestellt und verkauft werden, muss man auf den Gedanken kommen, Brot sei auch wegwerfbar wir Zeitungspapier.

Das Thema des Wegwerfens von Nahrung wurde natürlich schon 2005 eindrücklich dargestellt im Film "We feed the World" von Helmut Graser (http://www.youtube.com/watch?v=1dvU6G2WAH8) und noch früher (1995) teilweise auch in "Dschungelburger" von Peter Heller.

Heiri Schenkel - heiri [at] educare.ch
2012-02-02 13:18:59

...eben erinnerte ich mich an einen noch älteren, brasilianischen Kurzfilm (13min) von 1989: "Ilha das flores", "The Island of Flowers." Er ist beissend und intelligent gemacht. Nahrungsabfall wird an Schweine verfüttert - nachher dürfen noch die Armen von Porto Alegre in den Resten wühlen…

Mit englischem Ton:
http://video.google.com/videoplay?docid=5263978110274124891

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